An einem Dienstagabend Mitte der Neunziger Jahre kletterten zu vorgerückter Stunde drei junge Musiker auf die Offene Bühne des Jazzhaus Freiburg. Dort regierten sonst eher anglo-amerikanisch geprägte Songwriter und die Traditionen der britischen Inseln. Doch plötzlich wehten orientalische Skalen und Rhythmen durch den Gewölbekeller, und eine ausgelassene Party begann, angeheizt durch mitreißende Darbuka, wirbelnde Klarinette und knackigen E-Bass. Die Folkies hielt es nicht mehr auf den Stühlen, und am nächsten Morgen war das Trio, das den wundersamen Namen FisFüz trug, Tagesgespräch. Einige Male sind FisFüz noch auf die Offene Bühne zurückgekehrt, doch es war schon damals klar: In dieser jungen Gruppe um den deutsch-türkischen Perkussionisten Murat Coşkun

und die Flensburger Klarinettistin Annette Maye - zunächst noch mit wechselnden Gastmusikern - steckte ein Potenzial, dass sie schnell zu anderen Gestaden führen würde.

Zwanzig Jahre sind seitdem vergangen, und tatsächlich ergäben diese Gestade, zu denen es FisFüz getragen hat, ein Gewimmel bunter Fähnchen, steckte man sie alle auf einer Karte ab. Heute, wo in Mitteleuropa ein globalisiertes Musikvokabular selbstverständlich geworden ist, lässt es sich gar nicht mehr so richtig ermessen, welche Lanze FisFüz mit ihren ersten CDs Bosphorus Fishing und der originell gefertigten Sim Sim (samt Sesamsamen!) für dieses Genre gebrochen haben. Doch damals war sie pionierhaft, diese Mischung aus clever bearbeiteten türkischen und balkanischen Melodien und jazziger Improvisation. Der Südwestrundfunk belohnte das bereits 1998 mit seinem Weltmusikpreis, und rasch schickte auch das Goethe-Institut die jungen Künstler bis in den Iran und nach Nordafrika. Es folgte eine kurze Auszeit mit Soloprojekten und veränderten Lebensmittelpunkten.

Coşkuns und Mayes Rückkehr 2007 trug einen wundervollen Namen: Yakamoz, das türkische Wort für "Meeresleuchten". Auf dem lyrischen Werk stellten sie auch ihren neuen Mitmusiker Gürkan Balkan vor - ein begnadeter Virtuose sowohl auf der Oud als auch der Gitarre, und damit ein Brückenbauer zwischen Ost und West, wie geschaffen für das Konzept des Ensembles. Die Klangfarben fächerten sich weiter auf, mit Bassklarinette, Hang und gestimmten Rahmentrommeln, mit abendländischen Harmonien und jazzigerem Groove. Seitdem ist das Ensemble FisFüz in verschiedenste spannende Sphären vorgestoßen: Für die Golden Horn Impressions erweiterten sie sich kurzerhand zum Nonett, auf Oriental Touch tauchten sie mit den Freiburger Spielleyt tief ein in die Alte Musik Italiens und Spaniens, und mit ihrem Projekt Mozart im Morgenland betraten sie beherzt und espritvoll ein Serail, betteten auf plüschige Palastkissen ihre Erfahrungen aus der Klassik. FisFüz und die sogenannte "ernste" Musik - mehr als ein Flirt: Das zeigte sich schließlich, als sie vier ihrer Eigenkompositionen mit der Textur eines kompletten Symphonieorchesters einkleideten.  

 

Den Zenit ihrer klanglichen Farbenpracht bilden vielleicht die Alben Ashuré (2011) und Papillons (2012): beide im warmen Analogsound der legendären Villinger MPS-Studios entstanden, einmal gewürzt mit den indischen Zutaten des Schlagwerk-Gastes Ramesh Shotham, einmal mediterran aufblühend mit dem langjährigen Klarinetten-Freund Gianluigi Trovesi - nebenbei: nur zwei vieler illustrer Teamworker des Ensembles, unter denen sich so klangvolle Namen wie Giora Feidman, Michel Godard oder das Freiburger Barockorchester tummeln. Wer die Papillons-Sessions im tiefverschneiten Schwarzwald miterleben durfte, diese hochkonzentrierten, inspirierten und auch humorvollen Stunden mit dem italienischen Jazzgiganten, dem wurde bewusst, welchen grandiosen Weg FisFüz seit ihrer Geburtsstunde zurückgelegt haben.